Wiese Müsli

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Er schon wieder

Hans-Werner Sinn rechnet mit dem Klima ab, Sarrazins Anti-Euro-Aufsatz lauert auf der Palette und FAZ-Hirn Frank Schirrmacher hat auch schon lange nichts mehr geschrieben. Neben Investment-Banking und Drogenhandel gehört das Verfassen eines Aufreger-Buches zu den sichersten Wegen zu Geld und Ruhm. Hajo Schumacher zählt sieben Zutaten auf, die jedes Machwerk zuverlässig in die Bestellerliste jagen.

1. Botschaft Apokalypse

Mindestens muss ein Zeitalter zu Ende gehen, besser noch die Welt unter. Der Topseller 2005 hieß „Abstieg eines Superstars“ (Gabor Steingart, Wirtschaftsexperte) und wies zweifelsfrei nach, dass Deutschland ziemlich genau heute auf dem ökonomischen Stand des Kosovo angelangt ist. Eine steile These, die die drei deutschen Zentralwerte (Sicherheit, Sicherheit und Sicherheit) bedroht, ist Pflicht. Kernbotschaft sollte immer lauten: Ach Du Schreck, mein Geld ist weg, und schuld sind Politiker, Bosse, Tankstellen, die da oben jedenfalls.

2. Zielgruppe Seniorenteller

Die Alten sind mehr, haben dank Frühpensionierung reichlich Zeit zum Lesen, vor allem haben sie was zu verlieren: Rente, Zusatzrente, Lebensversicherung, Betriebsrente, Aktien, Immobilien. „Das Methusalem-Komplott“ (Frank Schirrmacher, Alles-Experte) bedient die Verlustangst der Besserverdienenden perfekt, erzeugt aber zugleich das wohlige Gefühl, dass die derzeitige Pensionisten-Generation noch halbwegs davon kommt. Das ist die Methode Silbereisen: erst Angst machen mit wilder Frisur und spackigen Anzügen, dann aber Omi doch ganz doll in den Arm nehmen. 

3. Schuld sind Randgruppen

Wer Bücher an die Mehrheit verkaufen will, muss eine Minderheit zum Sündenbock erklären, zum Beispiel MmMh (Menschen mit Migrationshintergrund). Darf man so direkt natürlich nicht sagen. Deswegen unbedingt einen langen, möglichst sperrigen Statistikteil einbauen, so wie Sarrazin in „Deutschland schafft sich ab“, aus dem hervorgehen könnte, dass der kleine Ali in der Schule nicht mitkommt und deswegen dem Sozialstaat auf der Tasche liegt. Vorteil: Man kann sich immer auf die Zahlen rausreden, die praktisch alles hergeben. Falls die Fakten gegen die These stehen, etwa zurückgehende Einwanderungszahlen, dann kann man immer noch sagen: Die sind so listig, die rotten sich gleich hinter der Grenze zusammen, nur um mit noch mehr Familienmitgliedern zurückzukommen. 

4. Gestus Alles-Checker

Der Autor braucht eine gefühlte Autorität, besser noch etwas Erleuchtetes, so wie Hans-Olaf Henkel (irgendwas mit IBM), Professor Sinn (irgendwas mit Zahlen), Sarrazin (geht abends mit dem Hund und erlauscht dabei Volkes Stimme). Wichtig ist ein möglichst hohes Alter, denn Autoren ab 70 glauben die Deutschen jeden Unsinn, vor allem wenn etwas entlarvt wird wie Abzocke, Machenschaften, Lug und Trug. Elitenversagen geht immer, Enthüllen auch und der Schlachtruf: Früher war sowieso alles besser.

5. Ich Opfer

Natürlich haben wir es immer mit einer Verschwörung zu tun, entweder der Banker, der Politiker oder der Zugbegleiter (Sänk ju…). Nur unser Wissender blickt durch und hat vor allem den Mut, das Unfassbare (Untergang, Abschaffung, Ende) auch auszusprechen, vulgo: das Kind beim Namen zu nennen. Wie Sarrazin repräsentiert der Autor den Mann von der Straße, mit Trenchcoat, Schnauzbart, Cordhut. Weil er gegen die political correctness verstößt, soll er von geheimen Kräften, meist von links, mundtot gemacht werden. Der Leser erkauft sich mit dem Erwerb des Buches also einen Platz in der Cordhut-Guerilla, wo all die anderen Opfer rumrumoren, die mit der Gesamtsituation ebenfalls unzufrieden sind.

6. Perspektive Tunnelblick

Fakten werden nur verwendet, falls die These gestützt wird. Relativierende, gar differenzierte Argumente haben in Bestsellern nichts zu suchen. Ein klares „Machen wir uns doch nichts vor“ hat noch immer einen klaren Gedanken ersetzt. Zur Not wird auch anekdotische Evidenz bemüht, zum Beispiel beim Euro, von dem wir wissen: Alles teurer geworden, Abzocke, allerorten, und das tägliche Paket aus dem Verkaufs-TV mit dem Elektroschrott von morgen ist auch ganz zerknittert.

7. Laute Gegner

Extrem wichtig: laute, sehr betroffene Gegner, die das Werk vorzugsweise als „geschmacklos“, „unglaublich“ und „menschenverachtend“ bezeichnen. Claudia Roth, Oskar Lafontaine und idealerweise noch ein Rudel Tierschützer sind die zuverlässigsten Verkaufshilfen. Bestsellergarantie verspricht der Vorwurf von Nazi-Nähe. Lässt sich zur Not auch bei einem Kritiker-Kumpel bestellen. Gerade ältere Herren sind dankbar für jeden Tabubruch. So wurden Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ besonders gern von Senioren mit Trenchcoat, Schnauzbart und Cordhut erworben.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des ROLLING STONE. Jetzt am Kiosk.

Anmerkungen

  1. korinkuchan hat diesen Eintrag von visdp gerebloggt
  2. chpf hat diesen Eintrag von visdp gerebloggt
  3. von visdp gepostet

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